Ferdinand Freiligrath
Wer sich der Einsamkeit
ergibt
»Wer sich der Einsamkeit ergibt,
Ach der
ist bald allein;
Ein jeder lebt, ein jeder liebt
Und lässt ihn seiner
Pein.«
Wer sich dem Weltgewühl ergibt,
Der ist zwar nie
allein.
Doch was er lebt und was er liebt,
Es wird wohl nimmer
sein.
Nur wer der Muse hin sich gibt,
Der weilet gern allein,
Er
ahnt, dass sie ihn wieder liebt,
Von ihm geliebt will sein.
Sie kränzt
den Becher und Altar,
Vergöttlicht Lust und Pein.
Was sie ihm gibt, es ist
so wahr,
Gewährt ein ewig Sein.
Es blühet hell in seiner Brust
Der
Lebensflamme Schein.
Im Himmlischen ist ihm bewußt
Das reine irdsche
Sein.
O lieb, so lang du lieben kannst!
O lieb, so lang du lieben
kannst!
O lieb, so lang du lieben magst!
Die Stunde kommt, die Stunde
kommt,
wo du an Gräbern stehst und klagst!
Und sorge, dass dein Herze
glüht
und Liebe hegt und Liebe trägt,
so lang ihm noch ein ander
Herz
in Liebe warm entgegenschlägt!
Und wer dir seine Brust
erschließt,
o tu ihm, was du kannst, zulieb!
Und mach ihm jede Stunde
froh,
und mach ihm keine Stunde trüb!
Und hüte deine Zunge
wohl,
bald ist ein böses Wort gesagt!
O Gott, es war nicht bös gemeint,
-
Der andre aber geht und klagt.
O lieb, so lang du lieben
kannst!
O lieb, so lang du lieben magst!
Die Stunde kommt, die Stunde
kommt,
wo du an Gräbern stehst und klagst!
Dann kniest du nieder an
der Gruft,
und birgst die Augen, trüb und nass,
- sie sehn den andern
nimmermehr -
ins lange, feuchte Kirchhofsgras.
Und sprichst: O schau
auf mich herab,
der hier an deinem Grabe weint!
Vergib, dass ich gekränkt
dich hab!
O Gott, es war nicht bös gemeint!
Er aber sieht und hört
dich nicht,
kommt nicht, dass du ihn froh umfängst;
der Mund, der oft dich
küsste, spricht
nie wieder: ich vergab dir längst!
Er tat's, vergab dir
lange schon,
doch manche heiße Träne fiel
um dich und um dein herbes Wort
-
doch still - er ruht, er ist am Ziel!
O lieb, so lang du lieben
kannst!
O lieb, so lange du lieben magst!
Die Stunde kommt, die Stunde
kommt,
wo du an Gräbern stehst und klagst!